Marktreport Erstellt am  24. Juni 2026
Silber vor nächster Bewährungsprobe
Rums, was für eine Korrektur
Der Preis für eine Feinunze Silber hat sich in den vergangenen Monaten fast halbiert. Wurde das Industrie- und Edelmetall Ende Januar noch zu rund 122 Dollar gehandelt, kostete die 31,1 Gramm schwere Unze zuletzt weniger als 62 Dollar. Als Belastungsfaktor erwiesen sich vor allem zunehmende Zinsängste. Zwar beließ die US-Notenbank die Leitzinsen wie erwartet unverändert, doch die Aussagen ihres neuen Vorsitzenden, Kevin Warsh, wurden als Signal für eine straffere Geldpolitik interpretiert als von den Märkten erwartet.
Dollar-Comeback belastet
In der Folge haben sich die Wahrscheinlichkeiten für eine US-Zinserhöhung bis Ende dieses Jahres deutlich erhöht. Wurde noch vor wenigen Wochen praktisch keine Anpassung am Markt eingepreist, kalkuliert der Terminmarkt derzeit bereits einen Zinsschritt im September ein. Die erwartete straffere Geldpolitik der Federal Reserve stärkte zugleich den Dollar gegenüber anderen wichtigen Währungen: Der US-Dollar-Index stieg über die Widerstandsmarke von 100 Punkten und verzeichnete einen Ausbruch aus der Spanne von 96 bis 100, in der er sich im vergangenen Jahr bewegt hatte. Gegenüber dem Euro erreichte der Greenback zuletzt den höchsten Stand seit sieben Monaten.

Der starke Dollar erweist sich für Silber als zusätzlicher Bremsklotz. Weil das Edelmetall in der US-Währung notiert, wird es für Investoren außerhalb des Dollar-Raums spürbar teurer. Hinzu kommen anhaltende Abflüsse aus Silber-ETFs: Seit Jahresbeginn wurden netto 79,1 Millionen Unzen abgezogen, die Bestände sanken damit um 9,2 Prozent.
Zwischen Korrektur und Knappheit
Ob nun ein guter Zeitpunkt ist, um sich von seinen Silberbeständen zu trennen, sollten sich Anleger aber wohl besser zweimal überlegen; vielmehr könnte es sich womöglich eher lohnen, die Korrektur für Käufe zu nutzen. Denn: Hinter dem schwächeren Silberpreis verbirgt sich ein weitaus widerstandsfähigerer physischer Markt, als die Notierungen vermuten lassen. Übergeordnet dürfte Silber von der weiterhin hohen Nachfrage aus der Industrie profitieren. Zwar reduzieren Solarhersteller den Silberanteil in ihren Modulen kontinuierlich, um Kosten zu sparen. Doch dieser Effekt wird zunehmend durch neue Wachstumstreiber kompensiert – allen voran von KI-Rechenzentren, der Automobilelektronik und dem Ausbau der Stromnetze.

Eine entscheidende Rolle dürfte in diesem Zusammenhang vor allem China spielen. Mit der wirtschaftlichen Erholung im Reich der Mitte – das Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal um fünf Prozent zu – könnte auch der Bedarf an Silber wieder spürbar steigen. Als einer der größten Produzenten und zugleich bedeutendsten Importeure des Metalls prägt China den Silbermarkt maßgeblich. Die starke Nachfrage aus Industrie, Solarwirtschaft sowie dem Geschäft mit Münzen und Barren unterstreicht die angespannte Marktlage in der Volksrepublik: An der Shanghai Futures Exchange wurde Silber zuletzt mit einem Aufschlag von mehr als zehn Prozent gegenüber dem internationalen Spotpreis gehandelt.
Silbermarkt bleibt strukturell angespannt
Weltweit rechnet das Silver Institute für das laufende Jahr zwar mit einem leichten Rückgang der Nachfrage um zwei Prozent auf rund 1,11 Milliarden Unzen. Trotz der leicht rückläufigen Nachfrage bleibt der Markt aber unterversorgt, denn auch das Angebot sinkt. Seit 2021 sind die oberirdischen Silberbestände um 762 Millionen Unzen geschrumpft. Da Silber überwiegend als Nebenprodukt der Kupfer-, Gold- oder Zinkförderung gewonnen wird, lässt sich die Produktion selbst bei steigenden Preisen nicht beliebig ausweiten. Der Silbermarkt steuert daher auf sein sechstes Defizitjahr in Folge zu. Laut World Silver Survey 2026 wird das Angebot die Nachfrage in diesem Jahr um 46,3 Millionen Unzen verfehlen – ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahresdefizit von 40,3 Millionen Unzen.
Günstige Gelegenheit?
Für Silber ergibt sich daraus ein widersprüchliches Bild: Kurzfristig könnte der Preis unter Druck bleiben, solange die US-Renditen hoch bleiben und ETF-Anleger ihre Bestände weiter abbauen. Langfristig sprechen jedoch die strukturelle Knappheit und die robuste Industrienachfrage für das Edelmetall. Sollte die industrielle Nachfrage weiter wachsen und die Defizite anhalten, könnte die Knappheit zunehmend zum entscheidenden Preistreiber werden.

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